Wikipedianer: Nicht jedem Artikel des Lexikons vertrauen

München (dpa) – Ein erfahrener Wikipedia-Autor warnt vor manchen Artikeln des Online-Lexikons. «Wir denken viel zu oft: Was auf Wikipedia steht, stimmt alles», sagte ein Autor mit dem Online-Pseudonym «Magiers».

Statt Information blind zu vertrauen, sollten sich Nutzer genau ansehen, ob diese aus guten Quellen stammen. Das sei nötig, weil für die Qualitätskontrolle der Artikel Laien verantwortlich sind. Zwar müssen langjährige Schreiber die Beiträge unerfahrener Autoren überprüfen, bevor sie online gehen, «doch das verhindert nur die ganz groben Schnitzer», warnte er.

«Magiers» ist Mitglied einer achtköpfigen Jury, die am 4. November in der Katholischen Journalistenschule in München die besten deutschsprachigen Wikipedia-Artikel des Jahres prämiert. Seinen echten Namen verrät er wie viele Autoren nicht. Das Lexikon bemühe sich, Klarnamen der Schreiber geheim zu halten, sagte Sprecher Denis Schröder vom Verein Wikimedia Deutschland, der die Online-Enzyklopädie unterstützt. In manchen Regionen auf der Welt wären Autoren sonst gefährdet.

Am Samstag wurden insgesamt neun Artikel aus verschiedenen Bereichen geehrt. Besonders beeindruckt war die Jury von der Biografie des Fotopioniers Eadweard Muybridge. Autor Frank Schulenberg schöpfe «aus einer breiten Quellenbasis». Im Bereich Naturwissenschaften ist zum Beispiel der Artikel über die Skorpiongattung Opistophthalmus ausgezeichnet. Ein Artikel über Urkundenfälschung im deutschen Recht erhielt die Auszeichnung im Bereich der Gesellschaftswissenschaften.

«Oft klingt eine Information plausibel, ist aber nicht durch eine Quelle belegt. Da kommt man schnell in Versuchung, den Artikel einfach freizuschalten», sagte «Magiers». Mancher Autor erfinde zudem Belege, die so nicht existierten.

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Wikipedia gehört zu den meistbesuchten Webseiten in Deutschland. 5000 bis 6000 regelmäßige Autoren pflegen mehr als 2,1 Millionen deutschsprachige Artikel, jährlich kommen etwa 130.000 dazu. Weltweit existieren etwa 39 Millionen Artikel in knapp 300 Sprachen.

«Magiers», der Ende 40 ist, schreibt seit neun Jahren für Wikipedia. Obwohl er Mathematiker ist, befasst er sich in seinen Einträgen meist mit Themen aus Kunst und Kultur. Mitstreiter findet er aber immer weniger: «Vor zehn Jahren war eine Plattform wie Wikipedia noch neu und cool. Heute ist der Internet-Hype abgeflacht», sagte er.

Außerdem mangle es der Wikipedia-Gemeinschaft an Willkommenskultur: «Viele neue Autoren bekommen kaum Rückmeldung auf ihre Texte oder ihre Artikel werden zurückgewiesen», sagte der Autor. «Wir haben nicht die Kapazitäten, um jeden Einzelnen abzuholen», räumte «Magiers» ein.

Weil es zu den wichtigen Themen schon Einträge gibt, sei die Hauptarbeit der vielen freiwilligen Autoren, existierende Stücke zu bearbeiten und zu verbessern. «Dafür ist mehr Wissen notwendig als für das Verfassen von Texten», erklärte er.

Aber: Perfektion sei nicht der Anspruch Wikipedias. «Als Autor möchte ich nicht verschleiern, dass meine Texte einen Laienblick auf die Themen darstellen», sagte «Magiers». Wichtiger sei, dass die Gemeinschaft jedem offen steht und somit eine große Vielfalt an Themen abdeckt.

 

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