deutscher Mittelstand

Digitalisierung “made in Germany” – was der deutsche Mittelstand Apple, Facebook, Google und Co. voraus hat, und wie Firmen diese Vorteile nutzen können

Keine Frage: Das Silicon Valley ist ein Zentrum der digitalen Innovation. Die US-Region hat das Internet und Cloud-Computing hervorgebracht, Web-Search und Soziale Netzwerke. Deshalb ist sie heute Heimat der wertvollsten Unternehmen unserer Zeit und Triebkraft hinter der Digitalisierung, die alle Unternehmen weltweit beschäftigt.

Auch der deutsche Mittelstand steht wegen der nicht enden wollenden Serie von Neuerungen aus dem Valley unter Druck. Man könnte zumindest meinen: Die Firmen könnten nicht mithalten mit der Innovationskraft der dort ansässigen US-Internetriesen. Doch: Stimmt das wirklich? Und wäre es tatsächlich so schlimm, wie häufig behauptet? Hat der deutsche Mittelstand nicht seine eigenen Stärken, die das Silicon Valley nicht hat – und die seinen dauerhaften Erfolg sichern könnten?

Wie die Digitalisierung wirklich läuft

Bei näherer Betrachtung des Ganzen wird klar: Unmittelbare “besser-als”-Vergleiche zwischen den beiden Gruppen machen per se wenig Sinn. Denn Apple, Google, Facebook und andere Firmen aus dem Valley entwickeln in der Mehrzahl neue digitale Technologien und Geschäftsmodelle für Endverbraucher und andere IT-Unternehmen. Deutsche Mittelständler erfinden dagegen neue Industriegüter und Fertigungs-Verfahren, die sie oft zu Marktführern machen.

Herstellung neuer Consumer-Gadgets. Aber beide verlangen unterschiedliche Stärken, Strategien und Herangehensweisen. Man könnte demnach sagen: Digitalisierung und digitale Innovation kennen nicht nur eine, sondern zwei Spielarten, und Valley-Firmen und deutsche Mittelständler betrieben jeweils eine davon – und zwar jeweils die, die sie besser beherrschen.

Welche Stärken den Mittelstand auszeichnen

Wer diese Betrachtungsweise übernimmt, kann besser erkennen, welche Stärken das Silicon Valley tatsächlich hat und welche die hiesigen Unternehmen diesen entgegenstellen können. Bei Apple, Google, Facebook und Co. dreht sich vieles um neue Geschäftsmodelle durch bessere Kundenerlebnisse und Plattformen. Zudem verstehen sich die Firmen darauf, daten zu sammeln und auszuwerten. Sie entwickeln immer wieder neue Techniken für Unternehmens-IT und Rechenzentren.

Die Deutschen Mittelständler brillieren dagegen, wenn es um neue, hochwertige Industrieprodukte sowie Fertigungsverfahren geht; ihre Stärken liegen in der Ingenieursarbeit, der Entwicklung, Fertigungsplanung, Fertigung oder Lieferketten-Steuerung. Man könnte auch sagen: Während die Valley-Firmen sich auf Privatkunden, Daten und Digitale Dienste konzentrieren, spezialisiert sich der deutsche Mittelstand auf Industriekunden, Produkte und deren Herstellung. Und: Während das Silicon Valley experimentiert, verbessert der deutsche Mittelstand Abläufe, steigert die Effizienz und Produktivität.

All das heißt natürlich nicht, dass der Mittelstand hierzulande sich zurücklehnen und das Silicon Valley Silicon sich selbst überlassen kann. Die Digitalisierung ist real, verändert ganze Industrien und verwischt dabei auch die eben beschriebenen Unterschiede zwischen Digital- und Industrie-Spezialisten. Was für den Mittelstand bedeutet: Die eigenen Geschäfte werden für Digital-Unternehmen zugänglich, was neue Wettbewerbsrisiken mit sich bringt.

Aber die Besinnung auf die eigenen Stärken verweist auf den richtigen Umgang mit diesen Risiken: Die beste Strategie zum Umgang mit dem Digitalisierungs-Druck kann nicht darin bestehen, den Internet-Riesen nachzueifern oder gar den Wettbewerb mit ihnen zu versuchen – hierfür fehlen dem Mittelstand ganz sicher die Ressourcen. Viel zielführender dürfte dagegen sein, gezielt vom Silicon Valley zu lernen – und möglichst diejenigen Fähigkeiten zu übernehmen, die die eigenen Stärken ergänzen.

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Wie der Mittelstand wettbewerbsfähig bleiben kann

Welche Fähigkeiten das sind, ist vielen Marktexperten bekannt: Einschlägigen Untersuchungen zufolge sollten die Mittelständler vor allem lernen, Technologien wie Vernetzung (im Industriekontext oft “Internet of Things” oder “IoT”), Cloud-Computing und Big Data Analytics einzusetzen, um ihre bereits vorhandenen Wettbewerbsvorteile weiter auszubauen.

Hierzu kann beispielsweise gehören, eine oder mehrere der nachfolgend aufgezählten Fähigkeiten zu erwerben:

  • Einsatz von “Embedded Software” IoT-Technik zur Vernetzung von Maschinen, Anlagen und Produkten.
  • Nutzung von IoT-Plattformen und -Anwendungen, vor allem zur Datenerfassung und Auswertung (oft: “Industrial Analytics”)
  • Erfassen und Auswerten von Betriebsdaten zum Zweck der Verbesserung oder Neuentwicklung von Produkten.
  • Entwickeln Daten-gestützter Features und Dienste für Industrieprodukte – etwa rund um Selbst- und Fernsteuerung oder vorausschauende Wartung (“Predictive Maintenance”).
  • Zusammenführung der Verwaltung von Produkt- und Software-Lebenszyklen zu besseren Steuerung der gesamten Produktentwicklung (auch: Integration von Product- und Application-Lifecycle-Management)
  • Automatisieren von Bestellungs-, Planungs- und Fertigungsabläufen durch die Zusammenführung von Anwendungen zur Geschäfts- und Maschinensteuerung
  • Digitalisierung der eigenen Vertriebs- und Verkaufsabläufe, etwa durch Einführung von Webshops, vertriebsunterstützender Software oder sogar Verfahren zur IT-gestützten Kundenbetreuung wie Chatbots.

Firmen, die einige oder alle dieser Technologien und Verfahren für sich nutzen, werden den digitalen Einflüssen aus dem Silicon Valley schon nach kurzer Zeit eine “Digitalisierung made in Germany” entgegenhalten können. Und selbst wenn diese nie so große Konzerne oder so hohe Profite hervorbringt wie das Silicon Valley: Den Vergleich scheuen muss sie auf keinen Fall.

Der deutsche Mittelstand mag nicht das Zeug haben, das Internet zu beherrschen. Aber Aussichten darauf, Weltmarktführer im Industriegeschäft zu bleiben – das hat er durchaus.

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